Der unbeirrbare Alltagsyogi Nr. 14

Der unbeirrbare Alltagsyogi Nr. 14

Mitlerweile wäre es für den entschlossenen Alltagyogi schon unnormal, wenn er nicht 1x am Tag seine Yogamatte ausrollen und sich darauf ausbreiten würde.

Heute schien die Schwerkraft, die ja jeden Tag anders ist, stärker als sonst...seine Glieder bewegten sich mühsam von Pose zu Pose...der Atem schien gerade ganz woanders zu sein und die Gedanken machten ohnehin, was sie wollten. Aber der unbeirrbare Yoga wollte seine Disziplin zeigen und so liess die Entschlossenheit in seinem Kopf den Körper weiter und weiter bewegen.

Moment mal...an dem Punkt war er doch schon mal...zumindest an so einem ähnlichen...wenn sich alles so unverbunden anfühlte, war es Zeit, inne zu halten. Ui, die Pause tat ihm so richtig gut...nicht nur, dass sich sein Herz von den gefühlt-eckigen Sonnengruss Aktivitäten erholen konnte...auch sein Atem schien wieder aufzuholen oder umgekehrt...wer weiss denn schon, wer wem hinterher oder wer vor wem davonrennt...Nach einer Weile der Pause wollte sich der Körper wieder bewegen...der Yogi gab nach und folgte...und dann erlaubte er sich, seinem Körper und seinem Geist wieder eine Pause. Der Atem schien nicht mehr ganz so weit weg von ihm wie zuvor...und sein Körper hatte etwas an Geschmeidigkeit gewonnen. Was für ein komischer Ausdruck überhaupt: etwas zu gewinnen...das hört sich fast so an, als wäre er in einem Wettkampf. Hmmm, beim genaueren drüber Nachdenken schien ihm der Vergleich mit dem Wettkampf gar nicht mehr so abwegig...der Alltag war wie ein endloser Wettkampf...man wurde ständig aufgefordert, schneller zu sein und mehr zu leisten und überhaupt alle anderen zu übertrumpfen. Und wenn man das dann geschafft hatte, konnte man nicht in Ruhe den Triumph feiern, sondern musste gleich weiter...die nächste Runde im Wettkampf wird unmittelbar wieder eingeleutet...kein Wunder, dass sich der entschlossene Alltagsyogi oft so atemlos fühlte - atemlos und dennoch so wenig belohnt für all sein Mühen. Seine Absicht, zu gewinnen war gar nicht so offensichtlich...die war irgendwo tief in ihm drinnen versteckt und war wie ein unsichtbarer Motor, der ganz leise ansprang und fast unbemerkt alles in Bewegung versetzte. Und weil das alles so im Tarnmodus verlief war es kein Wunder, dass sich der Körper manchmal wie ein einziges Muskelkaterfeld und somit steif und ungelenkig anfühlte. Wie komisch aber auch, dass sich der oft gehetzte Alltagsyogi gar nicht erinnern konnte, dass von Aussen eine Ansage kam, er müsse all das erledigen, was er sich vorgenom

men hatte...pausenlos managen und agieren...organisieren und strukturieren. In diesem “...ieren” lauerte das Tun...naja, ist ja auch grammatikalisch so gedacht, dass Verben etwas mit dem Tun zu tun haben...Gerade fragte sich der Alltagsyogi, was geschehen würde, wenn aus der deutschen Grammatik einfach mal die Verben entfliehen würden – nur mal für einen Tag oder so...was bliebe übrig, wenn es nichts mehr zu Tun gab...Verblüfft über diesen Gedanken blieb der unbeirrbare Alltagsyogi stehen...und noch verblüffter bemerkte er, dass das Staunen ihm ganz automatisch eine Pause eingeräumt hatte. Er fragte sich, warum er im Alltag eigentlich nicht mehr staunte. War das Leben so langweilig und gleichförmig, dass es nix zum Staunen gab? Er schaute sich im Raum um und entdeckte mit einem Male so allerhand, was es zu bestaunen gab. Da waren die Spinnweben im Küchenregal, die sich gegen das Küchenfenster fein silbrig abhoben und eine ganz gleichmässige Geometrie aufzeigten...da war der Wassertropen vom Giessen auf dem Blatt seiner Zimmerpflanze auf der Fensterbank, der das hereinstrahlende Sonnenlicht tausend und millionenfach brach und wie ein Diamant funkelte….da war – ach so viel und dann auch noch sein eigener Körper...diese unglaubliche Erfindung...

Eins stand nun fest: Staunen ist gut, um inne zu halten...um Pausen zu machen...und Pausen sind gut, um aufzuholen...alles was sich so im Laufe eines Tages voneinander entfernt, kann wieder zueinander finden. Im Staunen bleibt die Welt für einen Moment stehen...und damit auch die Gedanken...die Antreiber...die Bewerter…das Staunen öffnet den Verben die Türe, damit diese einen Ausflug machen und einen ohne Tun mit sich selbst Sein lassen. Durch das Staunen wird es still...zumindest für einen Moment...das tut immer gut! Und wenn es still wird, freut sich der Körper, weil er seinen Rhythmus wieder finden kann...weicher und auch energetischer wird. Und dann hat das Staunen noch eine Komponente...es steckt so viel Entzücken darin, wenn man über etwas staunen kann, dass es wie ein kleiner Glück-Schub ist.

Der unbeirrbare Alltagsyogi fragte sich, warum die Menschen nicht mehr staunen, wenn doch das Staunen so kostbar ist. Muss man das erst lernen oder geschieht das automatisch...oder wie funktioniert das? Eins stand fest: man sollte sich wohl immer darauf gefasst machen, dass etwas Ausserordentliches geschehen könnte oder anders ausgedrückt: man sollte immer in Erwartung des Unerwarteten sein und bereit, seine Routine für die vielen besonderen Momente im Leben zu unterbrechen, die einem ein Staunen entrücken können.

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