Empathie und Verzeihen „Love all - serve all“
- Yasemin
- 4. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
„Love all – serve all“ – leichter gesagt als getan … Wenn mir gerade meine Tasche aus dem Fahrradkorb gestohlen wurde – samt Handy, Portemonnaie, Ausweisen, Karten, Kalender und allem Drum und Dran – und ich vor Wut und Verzweiflung koche … Oder wenn ein Kunde sich beschwert, im Ton unangemessen wird und mir Inkompetenz vorwirft … Dann zeigt sich die wahre Herausforderung dieses Leitsatzes: sich als Yogi oder Yogini daran zu erinnern, innezuhalten, durchzuatmen – und nicht sofort in reaktives Verhalten zu verfallen.
Wenn das Ego sich bedroht fühlt
Was passiert in solchen Momenten? Das Ego fühlt sich bedroht, schaltet in den Überlebensmodus und geht in Verteidigung. Wir geraten in die Dualität, erleben uns getrennt vom Selbst, von der Einheit. Je bewusster wir uns dieser Mechanismen sind und je tiefer wir verinnerlicht haben, dass unser Ego – unsere vermeintliche Identität (Name, Beruf, Titel, Herkunft etc.) – eine Illusion ist, desto schneller können wir uns besinnen und loslassen.Wir erkennen im Gegenüber eine Spiegelung unseres Selbst – und kehren zurück in die Verbindung. Damit wären wir beim ersten Sutra des Wassermann-Zeitalters:„Erkenne, die andere Person bist du.“
Präsent sein, ohne zu bewerten
Ich verstehe den Leitsatz „Liebe alle – diene allen“ nicht im Sinne von „Alle müssen sich liebhaben“, sondern vielmehr als Haltung: „Ich bin okay – du bist okay.“ Es bedeutet, den anderen anzunehmen, wie er ist, mit all seinen Stärken und Schwächen. Wie gelingt uns das?Mit Empathie und Einfühlungsvermögen. Empathie bedeutet, präsent zu sein, ohne zu bewerten. Sich wirklich auf das Gegenüber einzulassen. Zu spüren, was die Person bewegt – welche Bedürfnisse sie hat, die ihr Handeln auslösen.
Das heißt nicht, dass wir alles gutheißen müssen. Aber wir können beginnen zu verstehen – und erkennen, dass hinter jedem Verhalten ein zutiefst menschliches Bedürfnis steht.Das wirkt versöhnlich.
Loslassen und reflektieren
Zurück zum Anfang: Ja, ich habe geflucht und geschimpft, als ich den Verlust meiner Tasche bemerkte. Dann habe ich ein Glas Wasser getrunken (Adrenalin abbauen!), die Karten gesperrt, die Hotline angerufen und bin zur Polizei. Dort hieß es: Ich bin nicht das erste Opfer. In 99 Prozent der Fälle seien es junge Männer nordafrikanischer Herkunft, die im Asylverfahren in einer Art Schwebezustand leben. Ohne Arbeitserlaubnis, ohne Perspektive, aber mit Bedürfnissen – nach Geld, nach einem besseren Handy. Ironischer Weise war meine Beute ziemlich unattraktiv: ein altes iPhone, das kein Update mehr bekam – schnell gesperrt und damit wertlos. Im Portemonnaie? Auch nicht viel. Ich konnte loslassen. Und, zumindest ein bisschen, im Mitgefühl bleiben.
Den inneren Notzustand erkennen
Auch mit dem Kunden gelang mir ein versöhnliches Gespräch. Er war verunsichert, Verlässlichkeit war ihm wichtig. Er war emotional, hat Dampf abgelassen. Ich habe zugehört, seine Worte nicht persönlich genommen, nach Lösungen gefragt – und wir kamen weiter.
Die meisten Menschen haben gute Gründe für das, was sie tun oder unterlassen. Wenn sie uns aggressiv oder fordernd begegnen, steckt dahinter meist ein innerer Notstand. Selbst unsere sogenannten „Feinde“ sind letztlich Menschen, die in Not sind.
Was wir mehr brauchen
Wenn es uns gelingt, das im entscheidenden Moment zu erkennen – und im Mitgefühl zu bleiben –, dann haben wir gewonnen. Gerade in einer Zeit, in der Elon Musk Empathie als „Schwäche der westlichen Welt“ bezeichnet, brauchen wir: Mehr Mitgefühl. Mehr Freundlichkeit. Mehr Verbindung und weniger Trennung. Mehr Vertrauen in die grundlegende Güte des Menschen – auch wenn wir nicht immer die besten Strategien finden, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen.
Wir sind eben nicht unfehlbar. Oder wie Marshall Rosenberg sagte: „Unser Überleben als Spezies hängt von unserer Fähigkeit ab, zu erkennen, dass unser Wohlergehen und das Wohlergehen anderer tatsächlich ein und dasselbe sind.“

erschienen im: Kundalini Yoga Journal Nr. 58 August 2025




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