Was ans Licht kommen will: Schattenanteile integrieren statt bekämpfen
Auf der Sonnenseite des Lebens, im richtigen Licht erscheinen, leuchtend, funkelnd – so hätten wir es gerne. Und zwar rund um die Uhr, wenn es geht. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Nur: Wer möchte schon im Schatten stehen, womöglich in das Dunkle hinabsteigen?
Der abgespaltene Teil von uns
Das Konzept des Schattens stammt von dem Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung. Es steht für den unbewussten, abgespaltenen Anteil unserer Persönlichkeit – im Gegensatz zur Ich-Persönlichkeit, der sogenannten „Persona“, der Maske, mit der wir uns in der Welt zeigen. Der Schatten, diese dunkle Seite, hat nichts Böses in sich. Diese Seite von uns liegt lediglich im Dunkeln, sodass wir die dort im Verborgenen eingenisteten Gefühle, Glaubenssätze und Überzeugungen nicht sehen (wollen) – ja, oft nicht einmal kennen. Manchmal sind sie uns teilweise bewusst, doch weil sie uns nicht gefallen, verdrängen oder verleugnen wir sie gerne.
Was ist richtig, was falsch?
Wie entsteht dieser Schattenanteil in uns? Wir sind soziale Wesen. Wir werden von unseren Eltern mit ihren Überzeugungen erzogen und lernen, was in unserem Umfeld richtig oder falsch, gut oder böse ist. Hinzu kommen Religionen, Ideologien und Erfahrungen, die im Laufe der Zeit unsere Persönlichkeit prägen und festigen. Wir brauchen Anerkennung und möchten dazugehören, also verhalten wir uns entsprechend – egal, welcher Gemeinschaft wir angehören. Wir sind (meistens) artig und konform, und die „bösen“ Gedanken und Wünsche, die peinlich oder angsteinflößend erscheinen, verdrängen wir schnell.
Wegweiser zum Schatten
Wie aber kann ich mir diese verdrängten Anteile bewusst machen? Woher weiß ich, was im Verborgenen steckt? Oft sind Menschen, die uns nerven oder deren Eigenschaften uns besonders aufregen, wichtige Wegweiser zu unseren Schattenanteilen. Starke emotionale Reaktionen können darauf hinweisen, dass in uns selbst etwas berührt wird, das wir nicht gerne sehen oder anerkennen wollen. Natürlich bedeutet das nicht, dass schwieriges Verhalten anderer Menschen immer nur eine Projektion ist. Manche Menschen verhalten sich tatsächlich verletzend oder grenzüberschreitend. Dennoch lohnt sich die Frage, warum uns bestimmte Eigenschaften so stark triggern.
Mir gehen beispielsweise Besserwisser auf die Nerven, die immer das letzte Wort haben müssen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass auch ich ähnliche Tendenzen in mir trage, was mir mein Mann des Öfteren attestiert hat. Im Streit ist das besonders wirkungsvoll, weil es mich hart trifft. Ein wunder Punkt eben.
Im Stress taucht der Schatten auf
Schatten zeigen sich vor allem in Stresssituationen, selbst bei uns Yoginis und Yogis, die bereits auf dem Weg sind, innere Arbeit geleistet haben, ihre Schwächen kennen und sich ihrer bewusst sind. In Momenten, die uns herausfordern, zeigen sich alte Muster und Fixierungen gerne wieder – oder sogar Unbekanntes.
So beobachte ich mich im beruflichen Umfeld: Wenn Zeitdruck herrscht, Mitarbeitende langsam sind, sich der Brisanz der Lage nicht bewusst erscheinen oder hilflos wirken, beginne ich, die Zügel in die Hand zu nehmen und Dominanz auszuüben. Ich fange an, anderen zu sagen, was zu tun ist, werde „bossy“… nicht immer angenehm.
Innehalten, nachspüren, verstehen
Wie gehe ich damit um? In dem Moment, in dem ich es bemerke, halte ich inne. Vielleicht merke ich es nicht sofort, wenn ich emotional zu stark erregt bin. Doch im Nachgang spüre ich noch einmal hinein: Was ist passiert? Welcher Anteil von mir ist in Not geraten? Es gibt immer gute Gründe, warum wir reagieren, wie wir reagieren. Wichtig ist es, diesen Gründen auf die Spur zu kommen, sie zu verstehen und anzunehmen und nicht zu ignorieren. Schattenarbeit bedeutet nicht, Impulse oder Gefühle zu unterdrücken. Es geht vielmehr darum, bewusster mit ihnen umzugehen, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen und innere Anteile zu integrieren, statt sie zu bekämpfen.
Hinter der Besserwisserei wie auch der Dominanz verbergen sich mehrere Themen: mein Wunsch, beizutragen, selbstwirksam zu sein und Beachtung zu finden, gleichzeitig aber auch mein Ringen um Klarheit und Ordnung. Auch Integrität spielt eine Rolle - meine Werte zu leben und Verantwortung zu tragen. Alles wichtige menschliche Bedürfnisse. Wenn sie nicht erfüllt sind, versuche ich, sie herzustellen – manchmal vielleicht auf eine etwas zu laute oder aggressive Weise.
Wir sind Menschen …
Es ist mir bewusst, und ich kann mich liebevoll akzeptieren. Wir sind eben Menschen und nicht perfekt. Ich nehme mir vor, mir mehr Zeit zwischen dem auslösenden Moment und meiner Reaktion zu lassen, zu entschleunigen. Ich weiß genau, dass dies der Knackpunkt ist: einatmen, ausatmen und erst einmal innehalten. Spüren, was los ist.
Es müssen nicht immer negative Anteile sein, die uns unbewusst sind. Es kann auch ein Glaubenssatz über ein vermeintlich fehlendes Talent sein, von dessen Wahrheit wir ein Leben lang überzeugt sind. Ein Freund sagte mir in jungen Jahren einmal, ich könne keinen Ton halten und nicht singen. Dieser Satz setzte sich tief in mir fest. Ich glaubte fortan, nicht singen zu können. Dabei spielt Scham wieder eine große Rolle.
Erst während der Kundalini Yoga-Ausbildung wurde mir das klar. Zum ersten Mal musste ich Unterricht anleiten und zuvor einstimmen. Ich merkte, wie schwer es mir fiel, weil ich überzeugt war, dass es sich furchtbar anhören würde. Doch ich konnte es – und singe nun gerne, vor allem Mantras.
Gerade darin zeigt sich, dass im Schatten nicht nur Angst, Wut oder Scham verborgen liegen können, sondern auch Fähigkeiten, Kreativität und Ausdruckskraft, die darauf warten, wieder ans Licht kommen zu dürfen.

erschienen im: Kundalini Yoga Journal Sommer 2026 Ausgabe 56

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