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Yoga im Handel

Yoga ist mitten in der Gesellschaft angekommen und zum Big Business geworden! 4 Millionen Yoga-Praktizierende waren es 2018 in Deutschland, also ca. 5 % der Bevölkerung, Tendenz steigend.[1] Weltweit sollen es ca. 300 Millionen Menschen sein. Bei Yoga Alliance sind um die 100000 Lehrer registriert, bei der KRI gibt es seit 1996 ca. 28000 zertifizierte Kundalini-Yoga-Lehrer: innen, wobei die bei 3HO Deutschland und anderweitig ausgebildeten bestimmt nicht dazu gezählt wurden. Ca. 7000 Yogastudios gibt es in Deutschland, viele nebenberufliche Kolleg: innen, die privat, online oder in angemieteten Räumen Yoga anbieten, sind nicht berücksichtigt. Yoga in Fitness- Studios, Sportvereinen usw. kommt hinzu.  Auch in Unternehmen zog Yoga im Rahmen des betrieblichen Gesundheits-Managements und der Prävention ein. Zu den Pionieren auf dem Gebiet zählt Dagmar Völpel, ex-Bankerin, Kundalini-Yoga-Lehrerin und Coach[2].


Corona-bedingte Zäsur

Allerdings darf nicht vergessen werden, dass Corona eine große Zäsur bewirkt hat und keine aktuelle Zahlen vorliegen. Viele kleine Yogastudios haben diese Krise nicht überlebt, hauptberufliche Lehrer: innen haben sich wieder andere Jobs gesucht oder ganz aufgehört. Ein positives Erbe der Krise ist der Online-Unterricht, der z.T. weiter beibehalten wird. Global wird mittlerweile mit Yoga und allem drum herum um die 100-150 Milliarden Dollar umgesetzt, fast die Hälfte davon mit Yogakleidung. Wirtschaftsforscher sprechen von einer extrem schnell wachsenden Branche. Davon profitieren sowohl börsennotierte Großunternehmen wie Lulemon aus Kanada als auch kleinere Labels wie jaya-fashion.de mit Sitz in Heidelberg. Die Inhaberin Julia Mehedintu, selbst Yoga-Lehrerin, lässt seit 2009 ökologische Yogakleidung unter fairen Bedingungen in Nepal herstellen. Sie erzählt, dass die Firma bis zur Corona-Krise jährlich ein gesundes Wachstum verzeichnen konnte. Am Anfang gab es noch überschaubare Einbußen, mit dem Ukraine-Krieg hätten sich die Transportkosten jedoch verdoppelt, auf dem Seeweg verfünffacht. Das scheint einer Reihe von kleinen Brands das Genick gebrochen zu haben. Neben Kleidung wird Umsatz mit Matten, Kissen, Decken u.a. Zubehör gemacht. Die Tatsache, dass Yogis umweltbewusst sind, fördert natürlich auch die ökologische Herstellung.


Musik, Konzerte, Zeitschriften

Gerade im Kundalini-Yoga, aber mittlerweile auch darüber hinaus spielt Musik eine große Rolle. CDs, Kirtan- und Mantrakonzerte sind für viele eine gute Einnahmequelle, wobei im Zeitalter von Spotify erstere bestimmt nicht mehr ins Gewicht fallen. Man denke nur an die Stars der Szene wie Snatam Kaur, Mirabai Ceiba, Krishna Das oder Deva Premal, die große Konzertsäle, sogar Stadien füllen. Mantra-Singen als Meditationsform und die damit verbundene hohe Energie erreicht somit tausende von Menschen, die vielleicht nicht so schnell auf die Matte zu bekommen sind.

Yoga spielt auch in anderen Medien wie Zeitschriften und Videos eine Rolle. Das 1975 mit 300 Exemplaren erstmalig gedruckte Yoga Journal hat aktuell eine Auflage von 60000. Lifestyle-Magazine wie Happinez mit vielen spirituellen und Wellness-Themen, aber auch Yoga, toppen sogar diese Zahlen.


Yogische Ernährung punktet

Natürlich gehört zum yogischen Lebensstil auch Ernährung, was uns zu einer weiteren Wachstumsbrache bringt… Die rasante Zunahme von Vegetarier: innen und Veganer: innen und die Reaktion der Lebensmittel-Industrie auf die Nachfrage ist sicher nicht ohne Yoga im Mainstream erklärbar. Yogi Tea ist für mich das beste Beispiel: Anfang der 2000er Jahre fand man ihn nur in wenigen Bio-Läden oder im Satnam-Versand, jetzt mit großem Sortiment in fast jedem Supermarkt!


Reiseboom in exotische Gefilde

Es hört aber nicht auf: Auch die Reisebranche hat das Potential erkannt. Yogareisen sind en vogue, zahlreiche Veranstalter bieten Retreats und reines Yoga oder Yoga in Kombination mit Wandern, Fasten, Fahrradfahren usw. an. Im europäischen Süden und in Asien haben sich zahlreiche  Yoga Shalas und Seminarzentren angesiedelt, die um die Gunst der Yogis werben. Auch Ausbildungen werden in schöner Umgebung, weit weg vom Alltag in Urlaubsatmosphäre angeboten. Mancherorts nimmt der Boom allerdings auch extreme Formen an, wie z.B. in Ubud auf Bali nach dem Erscheinen des Buches und des Films „Eat, Pray, Love“… Der Ort platzt inzwischen aus allen Nähten, die Einwohner sind genervt, vielmehr verärgert, da sie wenig davon haben. Es sind die Ausländer, die das Geschäft mit Yoga machen und die Balinesen gehen leer aus.

Es ist durchaus in Ordnung mit Yoga Geld zu verdienen. Die Tage, in denen Yoga kostenlos vermittelt wurde und die Schüler ein Leben lang mit ihrem Lehrer eng verbunden, ihn versorgt haben, sind Vergangenheit. Die Frage ist: Wie verhalte ich mich? Es ist eine große Chance und gleichzeitig eine große Herausforderung, die yogische Haltung in die Geschäftswelt zu tragen.


Mit Integrität und Aufrichtigkeit

Wenn ich integer, ehrlich, zuverlässig und aufrichtig bin, kann ich zu einem Leuchtturm werden. Gelingt es mir, mein Bestes zu geben und das Resultat Gott/dem Universum zu überlassen? Habe ich das Gottvertrauen? Kann ich meinen Ehrgeiz zügeln? Wie steht es, um Konkurrenzgedanken? Vor allem, bin ich abhängig von den Einnahmen des Yogaunterrichts und nicht mehr entspannt, weil ich fürchten muss, die Miete nicht reinzubekommen? Es bedarf Achtsamkeit und absoluter Ehrlichkeit, immer wieder aufs Neue. Ein wunderbares Übungsfeld, wie ich finde…


 

[2] dv-coaching-bonn.de Ich danke Dagmar Völpel für das Gespräch über ihre Beobachtungen in der Yogaszene der letzten Jahre.


erschienen in: Kundalini Yoga Journal Ausgabe 48/ Dezember 2023

von Yasemin Tuna-Nörling



 

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