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Möge kommen, was wolle...

Aus dem Wahrem Selbst heraus handeln und sein


„Wer bin ich?“, mit dieser Frage lud der große Heilige, Sri Ramana Maharshi[1], alle Menschen, die ihn aufsuchten, zur Selbsterforschung ein. Auch ich hörte den Ruf bei meinem Besuch im Ramanashram in Südindien. Die Frage ließ mich nicht mehr los, aber ohne Unterweisung merkte ich bald, dass es nur Theorie bleiben würde. Ich beschloss, eine Kundalini Yoga Ausbildung zu machen, etwas Handfestes, zumal Jnana-Yoga, Yoga der Erkenntnis, Teil davon ist. Am Ende der Ausbildung, als wir den Lehrer-Eid leisteten „Ich bin keine Frau. Ich bin kein Mann. Ich bin keine Person …“, bekam ich einen ersten Eindruck von dem, was ich nicht bin. Die Selbsterforschung führte mich aber tiefer: Ich bin keine der Rollen, die ich in dieser Inkarnation spiele (Beruf, Staatsangehörigkeit, ethnische Zugehörigkeit, Tochter, Ehefrau, Schwester usw.), vor allem bin ich nicht dieser Körper oder dieser denkende Geist (= Ego/Verstand/Mind), der mir ständig Geschichten erzählt. Ich bin in Wahrheit reines Bewusstsein, der Beobachter von all dem, was geschieht, der unsterbliche Anteil, die Seele, das Selbst oder Gott - gemeint ist immer dasselbe.

„God and me, me and God are one.”


Den Weg der Stille und des Jetzt gehen

Ziel des Yoga ist es, mit dem Selbst in Verbindung zu kommen. Wie gelingt das und wie schaffen wir es, die Verbindung aufrecht zu erhalten? Der Weg führt über die Stille und das Jetzt. Asanas, Kriyas, Pranayama und Mantra-Singen sind die Werkzeuge der/s Yogi*nis, mit denen sie/er den Körper energetisch auf die Meditation vorbereitet. Durch die Konzentration auf den Atem oder ein Mantra und in der Meditation versiegen die Gedanken und es wird still. Ein Gefühl der Weite, der Unendlichkeit kommt auf und der stille Beobachter ist Zeuge. Das sind Momente, in denen wir Eins sind mit dem Selbst.



Bewertungen schneiden uns vom Selbst ab

Der Verstand braucht Orientierung und möchte gerne die Dinge unter Kontrolle behalten. Daher wägt er ab, vergleicht und bewertet. Sicherlich ist das in gewissen Lebenssituationen durchaus angesagt und praktisch. Diese Denkmuster führen aber oft ein Eigenleben und so wird alles, was wir erleben, in bewertende Schubladen gesteckt: Gut-Schlecht, Richtig-Falsch, Schön-Hässlich … wenn dies geschieht, sind wir vom Selbst abgeschnitten. Die Bewertungen basieren ja auf Erfahrungen in der Vergangenheit, also findet ein ständiges Vergleichen mit ähnlichen Situationen statt und wir sind nicht im Jetzt. Der unvoreingenommene Moment hingegen ist frisch, kann sich auf alles einlassen. Sind wir gegenwärtig, lassen wir neues Erleben zu, ohne die Brille der Konditionierung, wie ein Kind, und das Leben, das Selbst, fließt durch uns hindurch. Um all diese Vorgänge wahrzunehmen, ist Entschleunigung und Achtsamkeit von Nöten, denn unser Leben geschieht oft im Autopiloten und wir nehmen diese Dinge gar nicht wahr. Zugegebener Weise braucht es auch Mut, sich ganz dem unbekannten Moment hinzugeben. Hingabe … allein dieses Wort löst bei vielen Unbehagen aus, weckt es doch Assoziationen an Unterwerfung und Abhängigkeit. Dabei ist es ein Willkommen heißen vom Leben, möge kommen, was wolle! Und keinen Widerstand zu leisten …

„Hummee hum Brahm hum“


Stell dich deinen Ängsten

Wenn wir von Ängsten geplagt sind, uns Sorgen machen und grübeln, sind wir nicht mit unserem Seelenanteil verbunden. Angst an sich ist wichtig und nützlich, wenn eine akute Gefahr droht. Hier sind diffuse Zukunftsängste und Sorgen gemeint, die aus dem Verstand kommen und die mit Erwartungen und Vergleichen aus der Vergangenheit gekoppelt sind. Möglicherweise werden sie von Traumata aus unserer Kindheit oder vergangenen Leben gespeist. Der einzige Weg mit ihnen umzugehen ist, sie anzunehmen und sich ihnen zu stellen. Dann verlieren sie ihre Macht. Auch da führt der Weg über das Jetzt, immer wenn sie auftauchen, müssen wir uns fragen; Sind sie in diesem Moment tatsächlich real? Bedroht mich jetzt wirklich diese Gefahr?

„Aham Brahmasmi“


Der No-Mind-Zustand

Solange wir uns mit unserer Persönlichkeit identifizieren, hat das Ego das Sagen. Wir freuen uns über Erfolge, sind stolz über Errungenschaften, gekränkt durch Beleidigungen, leiden an Verlusten, nehmen Dinge persönlich, sind in der Opferrolle, beharren auf unserem Recht und geben anderen die Schuld. Auch der Körper bleibt eine ewige Quelle von Leid und Lust. Geht es ihm gut, ist alles wunderbar und wir glauben, dass es ewig so weiter geht (gehen muss!), geht es ihm schlecht, versinken wir in Elend.


Körperliche Schmerzen können zweifellos grausam sein. Aber auch hier spielt die Identifizierung eine Rolle. Wenn ich im Wissen, dass ich in Wahrheit nicht der Körper, sondern das Selbst bin, die Schmerzen annehme, anstatt gegen sie zu kämpfen, werde ich sie anders erleben, möglicherweise transformieren. All das ist möglich im No-Mind-Zustand, Einatmen-Ausatmen, im Jetzt!


Über Gefühle zum Selbst kommen

Ein weiterer Weg, in Verbindung mit dem Selbst zu kommen, sind unsere Gefühle. Wir sind schnell geneigt, sie beiseitezuschieben und zu unterdrücken. Dabei möchten sie wahrgenommen und erlebt werden, egal ob sie negativ oder positiv sind. Zufriedenheit, Überraschung, Trauer, Ärger, Angst usw. sind Signale für unsere erfüllten und unerfüllten Bedürfnisse. Lassen wir die Gefühle zu und erforschen, was hinter ihnen steckt, findet oft eine Erleichterung und ein Loslassen statt.


Der beste Wegweiser zum Selbst ist und bleibt aber die Freude! Alles, was wir enthusiastisch (bedeutet: „von Gott erfüllt“), begeistert, freudig, liebevoll angehen, fällt uns leicht und gelingt auf Anhieb. Dann sind wir ganz in Verbindung und im Fluss!

[1] Literaturtipps zum Thema: Arthur Osborne, “Ramana Maharshi and the Path of Self-Knowledge”, 1997; S.S. Cohen, “Guru Ramana. Memories and Notes”, 2003; Eckhart Tolle, “Jetzt! Die Kraft der Gegenwart”, 2005


erschienen in: Kundalini Yoga Journal Ausgabe 45 November 2022, S.5-6


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